30.11.2022

Typischer Novembertag; Nieselregen; feuchtkalt  – aber abends rettet ein Spieleabend

Wir erkunden die Stadt Mainz

*** Leise rieselt der Schnee  ***          Das Schneetreiben erfordert besondere Aufmerksamkeit

Müde in Lohr am Main angekommen

Würzburg

Nach einigen Stunden ging es weiter. Erst Berufsschiff „Irmgard“ dann wir.

15.11.2022 Es geht los in unser Winterquartier Breisach.
Wir verlassen unseren Heimathafen beim 1. Motoryachtclub Nürnberg.

Unser Bootshund Nicki blickt wehmütig auf eine sehr schöne Zeit zurück und freut sich auf neue Begegnungen.

Leben auf dem Boot

01. Juni 2022  – Ich denke oft an mein früheres Zuhause zurück. An die Rosen im Garten, an die rasch wachsenden Lorbeerbüsche, die jungen Apfelbäume und an den Rasen, der an saftigem Grün kaum zu übertreffen war. Dennoch liegt keine Wehmut in meinen Erinnerungen. Seit einem Jahr blicke ich meist auf unbekannte Landschaften, wenn ich morgens aus dem Fenster schaue. Mein Mann Armin und ich haben uns für ein Leben auf dem Boot entschieden, weil wir das Wasser lieben. Ein Boot schwankt und fährt – genau diese beiden Komponenten faszinieren uns. Wie sich jedoch so ein Leben ein ganzes Jahr anfühlt, wussten wir anfangs nicht.
Über den Sommer 2021 hatten wir einen Liegeplatz beim 1. Motoryachtclub Nürnberg gebucht. Überwintern wollten wir in Maastricht, im Süden der Niederlande.
Streikende Heizung und bedrohliche Frachtschiffe
November 2021: Nahe des Südwestparks starten wir, etwa 1000 Kilometer Flussfahrt liegen vor uns. Zuerst schippern wir auf dem Main-Donau-Kanal, dann dem Main, dem Rhein, zuletzt auf der Maas. Da es stromabwärts geht, kommen wir auf dem Rhein mit bis zu 20 Stundenkilometern voran. Das Wetter kündigt den nahenden Winter an; der Regen peitscht gegen die Fensterscheiben und leider streikt unsere Heizung ab und zu. Bei unseren Übernachtungen in den Yachthäfen zeigt sich, dass unser Boot als einziges noch aktiv ist und wir erkennen, welch seltenen Lebensstil wir uns ausgesucht haben. Auch auf den Flüssen begegnet uns kein Sportboot. Nur die Frachtschiffe fahren pausenlos und Berufsschiffer sind eine eigene Spezies. Sie lenken ihre Hundert-Meter-Frachter, als säßen sie auf einem dressierten Dinosaurier, sie nehmen uns Laien zwar in Kauf, doch dazugehören tun wir nicht.
Anfangs war ich, als Fahranfängerin, brenzligen Situationen kaum gewachsen. Wenn uns ein Frachtschiff an einer Engstelle sehr nahe kam, hörte ich in meinem Innersten bereits das Aneinanderkrachen von Stahl.
Ich musste lernen, den Abstand zwischen uns und den Frachtschiffen nicht zu überschätzen, musste enges Vorbeifahren üben und akzeptieren. Auch wenn es mir anfangs nicht leicht fiel, unseren 20-Tonner zu lenken, fühlte ich mich glücklich, auf dem Wasser unterwegs zu sein.
Stressmomente: Sie kommen und gehen. Wenn uns auf dem strömenden Rhein zwei Frachter entgegenkommen und uns zeitgleich ein Schubverband (Doppelfrachter) überholt, möchte ich mich gerne samt Boot, Mann und Hund in Luft auflösen. Es ist nicht wie beim Autofahren (das hatte ich mir eingebildet), kein bisschen. Ein Viertel des Bootes liegt im Wasser, drei Viertel stehen im Wind. Wir sind die Schnittmenge zwischen den Elementen.
Oft sind sie stark genug, um uns aus der Bahn zu werfen. Wenn also die Strömung schiebt und der Wind drückt, heißt es: Kurs halten! Hochhäuser, Parks, Schnellstraßen, Eisenbahnbrücken ziehen an uns vorbei. Wir hören Autolärm und den ICE rauschen. In Düsseldorf liegt unser Boot neben dem Rheinturm, der nachts wie eine purpurfarbene Rakete in den Himmel leuchtet. Doch an den meisten Orten entlang der Flüsse ist nur Vogelgezwitscher und Entengeschnatter zu hören, überall Wiesen, Bäume, Weinberge und Felder.
13. Dezember 2021: In den Niederlanden wird der Rhein zur Waal und bald biegen wir in die ruhige Maas ab. Inzwischen ist nicht mehr jede Fahrt und jedes Anlegemanöver ein Riesenrummel für mich, doch auch die beginnende Routine hat ihre Tücken. Es regnet stark, als wir in der Marina Maastricht ankommen: Rückwärtsfahrend lenkt Armin in unseren Liegeplatz, während ich auf dem Deck stehe, um das Boot festzumachen. Leider sind am Steg nur Ösen befestigt, also muss ich von Bord, um die Bootsleine durch den Ring zu ziehen. Ich springe an Land, das mache ich ja mittlerweile mit Links. Das Deck ist nass und glatt, ich rutsche aus, falle mit Winterjacke und Gummistiefeln ins Hafenbecken hinein.
Wer Distanz braucht, muss nach draußen
Ich tauche auf, japse nach Luft, kralle meine Finger zwischen die schmalen Bretter des Anlegestegs. Es ist ein Kraftakt. Glücklicherweise sehe ich einen Mann, der uns zu Hilfe eilt. Das Wasser ist eiskalt, mein Adrenalin macht sich bemerkbar. Deshalb muss ich sogar über mein Malheur kichern, während Armin und der Niederländer mich mühsam aus dem Wasser ziehen.

 

 

Dezember bis März: Wir überwintern inmitten von hundert (meist unbewohnten) Yachten und hier ist es: unser neues Leben in der Winterzeit. Die leicht schwankenden 40 Quadratmeter fühlen sich noch immer ungewohnt an, außerdem verlangt es räumliches Zusammenrücken. Nicht immer ist das von Vorteil: Wenn Armin Rockmusik aufdreht, muss auch ich sie anhören. Wenn ich telefoniere, ist auch Armin an dem Telefonat beteiligt. Wer Distanz braucht, muss raus.
Es sind zähe Wintermonate (einschließlich des Corona-Lockdowns in den Niederlanden), sie sind klamm und kühl. Da finde ich es in einer Wohnung gemütlicher, mit Weihnachtsbeleuchtung, Kamin oder Zentralheizung, mit geschmücktem Christbaum, Fernsehsessel und Badewanne.
Doch wenn ein Strahl Wintersonne durch die Bootsfenster blitzt, wünsche ich mir, dass es noch viele Jahre so bleibt; wenn die dicken Leinen, die das Boot am Ufer festhalten, gespenstisch knarzen, wenn ich von den Bugwellen sanft in den Schlaf geschunkelt werde.
25. März 2022: Die Rückreise nach Nürnberg beginnt. Auf den ersten Rheinkilometern lernen wir die Tücken des Niedrigwassers kennen, wir werfen zum ersten Mal den Anker, weil die Wassertiefe in den Yachthäfen nicht ausreicht. Mehrere Tage pausieren wir, da es heftig stürmt. Bei Uerdingen auf dem Rhein geraten wir in eine Nebelbank. Es geschieht plötzlich, mit einem Mal ist nichts mehr zu sehen. Wir wollen wenden, aber das wäre zu gefährlich. Also gehen wir vom Gas und bleiben am Fahrwasserrand. Es ist das erste Mal, dass auch Armin nervös wird. Er setzt Hupsignale in den zähen, grauen Dunst ab. Ich stehe am Funkgerät am Bug, um ein mögliches Hindernis rechtzeitig zu erkennen und schätze die Sicht auf 50 Meter.
Wir werden angefunkt: „Sportboot, schert Euch zum Teufel, ohne Radar! Seid Ihr lebensmüde?“, schimpft ein Berufsschiffer, dessen Frachter sich wohl in der Nähe befindet. Armin funkt zurück: „Wir müssen wenden, ist das Fahrwasser frei?“ Der Berufsschiffer bestätigt es, wir kehren um und haben wieder klare Sicht. Dass wir gleich anschließend auf eine Sandbank fahren, ist nach dem Nebel des Grauens kaum erwähnenswert.
Unterwegs mit nur zehn Kilometern pro Stunde
Die Weiterfahrt verläuft entspannt und ruhig. Ich stelle fest, dass sich meine Gedanken der Fließgeschwindigkeit anpassen. Das Leben scheint sich zu verlangsamen, wenn man stundenlang auf den Fluss schaut. Manchmal ist das Wasser wie glattgebügelt; Bäume, Berge und Felsen spiegeln sich darin. Manchmal färbt sich der Fluss grün oder schlammfarben und der Wind erzeugt kleine Wellen, die gegen den Bug prallen wie eine Serie dunkler Glockentöne. Wenn die Sonne scheint, glitzert und funkelt es, als schwämmen tausende Diamanten auf dem Wasser.
Sehr gute Erfahrungen machen wir unterwegs mit der Wasserschifffahrtsverwaltung (WSV) und der Wasserschutzpolizei. Wenn wir sie wegen eines Problems anfunken müssen, erhalten wir immer freundliche und kompetente Infos.
Nun legen wir in Kitzingen an, noch fünf Tage und 17 Schleusen bis Nürnberg. „Bald sind wir daheim“, sage ich zu Armin und wir überlegen, wo eigentlich unser Zuhause sei. In Nürnberg oder auf dem Boot? Wir sind zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen.
„Was? Ihr fahrt nur zehn Stundenkilometer?“, hakt meine Freundin Conni am Telefon nach: „Ich würd´ wahnsinnig werden!“ Auch Langsamkeit muss man lernen.

Haus gegen Boot getauscht – Das neue Zuhause schwimmt

Doreen Gareis und Armin Rauh haben ihr Haus dauerhaft gegen ein Boot getauscht – von der Jungfernfahrt und ihrem neuen Leben auf dem Wasser.

19. Juli 2020: Wir laufen am Main-Donau-Kanal entlang, mein Mann Armin, Goldendoodle Nicki und ich. Eine Motoryacht zieht nah am Ufer vorbei, wir winken, die Leute winken zurück. „Wohin die wohl fahren?“, frage ich. „Vielleicht nach Regensburg, Passau oder Wien“, vermutet Armin und beginnt zu schwärmen: Von Europas Flusswegen, insgesamt 45 000 Kilometer. Dass man mit einem Motorboot nach Helsinki, Oslo oder London fahren kann, auch nach Paris, Wien, Prag, Moskau. Die Fülle an Möglichkeiten fasziniert mich. „Was wird so eine Yacht kosten?“ „Für uns? Keine Chance“, sagt Armin. Ich seufze. Wieder mal ein kurzer Traum, der im Sand verlaufen soll? Ich lasse nicht locker. „Und wenn wir unser Haus verkaufen und stattdessen …?“ Armin setzt die Sonnenbrille ab: „Echt jetzt?“ Er grinst mich an, als sei er nicht über 60 und in Rente, sondern 16.

In den nächsten Wochen schmieden wir Pläne und verkaufen unser Haus. Wir nehmen uns ein kleines Appartement, nur 22 Quadratmeter. Wenn sich unser Hund auf den Wohnzimmerboden legt, füllt er den Raum beinahe vollständig aus. Nach mehreren Wochen, in denen wir Internetseiten durchforsten, landen wir einen Volltreffer: In Alkmaar, nördlich von Amsterdam, verkauft ein sehr betagter Holländer seine Motoryacht. Wir fahren hin und unterschreiben den Vertrag. Das Stahlschiff, 14 Meter lang und 4,50 Meter breit, ist 12 Jahre alt. Faszinierend, denke ich, dass aus unserer fixen Idee Wirklichkeit geworden ist.

Im Mai dieses Jahres tuckern wir los und durchkreuzen bald Amsterdam. Es ist viel Verkehr auf dem Niederrhein, Schubverbände kommen uns entgegen, beinahe 200 Meter lang. Ab und zu wird es richtig eng, dann kommt man in den Sog der 6000-Tonner und muss Acht geben, weder gegen das Schiff noch ans Ufer gedrückt zu werden. Armin hat bereits seit 30 Jahren den Sportbootführerschein, doch unter diesen heiklen Bedingungen kommt er ins Schwitzen: „Mannomann, unser Boot schlingert wie ein Sattelzug auf Glatteis!“

Es ist eine anstrengende Jungfernfahrt, auch wegen mancher Anfängerfehler. Beim Ansteuern eines Nachtliegeplatzes in der Dämmerung rufe ich Armin hektisch: „Backbord!“ zu. Ich meine aber steuerbord, also rechts, aber da scheuert das Boot auch schon längsseitig an der Mole entlang.

Bitte in Seemannssprache!

Es war Armins Bitte, dass ich mich gleich an die seemännischen Fachausdrücke gewöhnen solle. Denn einen Tag zuvor (beim Anlegen im Düsseldorfer Yachthafen), fragte ich vom Boot aus zwei Bootseigner an Land, ob ich ihnen die „Stricke zum Festbinden herüberwerfen“ könne. Da waren wir bei denen unten durch. Man habe sich gefälligst in Seemannsprache zu verständigen, wo käme man denn da sonst hin? Was also hätte ich sagen sollen? „Würden Sie bitte das Tauwerk am Poller belegen.“ Ach so.

Die kleinen Unstimmigkeiten vergessen wir schnell bei unserer Weiterfahrt, denn das Urlaubs- und Abenteuergefühl hat mehr Kraft als ein bisschen Ärger und Aufregung. Auf dem Rhein kämpfen wir auf Höhe der Loreley gegen eine Strömung von elf Stundenkilometern an. Ein beschwerliches Manöver, da unser Boot mit nur noch drei Stundenkilometern vorankommt.

In Mainz biegen wir in den Main ab. Endlich ruhiges Fahrwasser unter dem Kiel. Kühe stehen im Fluss, kühlen sich die Beine, ein Waschbär streift schnüffelnd am Ufer entlang. In den Bäumen sitzen Kormorane, spreizen das schwarze Gefieder, um sich von der Sonne wärmen zu lassen. Wir fahren mit maximal zwölf Stundenkilometern, entdecken die Langsamkeit.

Neun Stunden ab Bamberg

Vor allem Armin ist gefordert, wenn meine mir vertrauten Migräneanfälle zuschlagen und ich dann nicht einmal aufstehen kann. Dann muss er fahren, funken, schleusen, Fender positionieren, Leinen befestigen und lösen – alles beinahe gleichzeitig.

In Bamberg erreichen wir den Main-Donau-Kanal und fühlen uns der Heimat schon recht nah. Während man mit dem Auto eine knappe Stunde bis Nürnberg fährt, sind wir noch neun unterwegs. Dann, im Yachthafen Nürnberg-Gebersdorf, blicken wir auf 950 Kilometer zurück, die wir in drei Wochen bewältigt haben. Wir sind müde und glücklich: Geschafft! Ein Liegeplatz ist für uns reserviert, und auf der grünen Wiese des Vereinsgeländes entdecke ich zwischen alten Bäumen sogar einen Ginkgo.

Über den Sommer und Herbst gewöhnen wir uns an das Leben auf dem Wasser. Wenn nachts das Bett schwankt, frage ich mich im Halbschlaf, was ich am Abend getrunken habe – dabei fährt draußen nur ein Frachtschiff vorbei. Manchmal stehen wir morgens bei zwölf Grad Innentemperatur auf, weil unsere Heizung ein Sensibelchen ist, das gut unterhalten und gesiezt werden will.

Ich bin überrascht, wie wenig Wasser wir brauchen. Weil wir den 800-Liter-Wassertank nicht ständig auffüllen können, leben wir nach der Maxime: Wasser ist kostbar. Eine Tankfüllung hält eine Woche lang. Vom Wasser zum Strom: Stromausfall an Bord passiert öfters. Neulich (ich hatte den Wasserkocher an, aber auch Licht und Musik und einen Kuchen im Backofen) flog die Sicherung raus. Sie ließ sich nicht wieder hineindrücken, so suchten wir geschlagene vier Stunden nach der Hauptsicherung. Gefunden haben wir sie unter meinem Kopfkissen. Nicht direkt darunter, aber in einem Kasten im Staukasten unter dem Bettkasten.

Wenn wir morgens von lautem Geschnatter statt Weckerklingeln geweckt werden, weil Wildgänse das Boot umkreisen, blubbern Glücksgefühle in mir hoch. Ich liege im Bett, schaue durch das Heckfenster auf den Kanal. Milchiger Dunst steigt auf und zeichnet alles unscharf. Später ziehe ich mir die Mütze ins Gesicht und laufe mit dem Hund am Ufer entlang. Wenn wir zurückkehren, schnüffelt Nicki so lange herum, bis er Armin findet. Meist in Bootsnähe, weil der Generator zickt oder all die Technik erlernt werden will. Der Vereinshafen ist nun unsere Heimat – mit einem familiären Kreis von Bootsfreunden. Jeder kennt die Tücken von Öldruckpumpe und Inverter, diskutiert angeregt über Zweikreiskühlung, Wendegetriebe und Wasserstrahlantrieb. Oder man strickt Seemannsgarn – erzählt in schillernden Farben von den außergewöhnlichsten Bootstouren.

Ende November sind wir wieder in die Niederlande getuckert, weil der Bootsrumpf hier, im heimischen Kanal, einfrieren könnte. Der Winter ist dort milder. Die Reise war gemütlicher als unsere Jungfernfahrt. Diesmal sind wir stromabwärts gefahren – und mit mehr Erfahrung. Jetzt verbringen wir den ersten Winter auf dem Boot und schauen, was die Zukunft uns bringt.

06.01.2022 Schleuse Maasbracht / Niederlande
05.08.2021 Bootsausflug bei herrlichem Sonnenschein

Vollmatrose auf vier Pfoten

10.06.2021
Wie ist ein Leben auf dem Boot? Und wie kommt ein Haus- und Hofhund mit dem Wechsel auf Bootsplanken klar?

„Du musst jetzt stark sein“, sage ich. Sofort schaut mich Nicki traurig an, denn stark sein gehört nicht zu seinen Stärken. Was nun folgt, ist auch wirklich nicht einfach für den dreijährigen Goldendoodle. Mich plagt ein schlechtes Gewissen: „Weißt du, bald wirst du ein Bootshund sein. Alles wird anders werden.“ Nicki wartet ab, ob ich ihm noch etwas zu sagen habe, dann geht er in den Garten, der nicht mehr lange sein Garten sein wird, um an Blumen zu schnuppern. Ja, künftig werden wir zu dritt auf einem Motorboot leben, mein Mann, Nicki und ich.
Wir fahren nach Alkmaar in die Niederlande. Im Werfthafen betreten wir zum ersten Mal die Planken unserer neuen Heimat: ein 15-Meter-Boot, das wir von einem Holländer gekauft haben. Nicki tritt vorsichtig auf, er muss sich zu jedem Schritt überwinden. „Das wird schon noch, du wirst dich daran gewöhnen“, sage ich zu ihm. Er schüttelt sich, will zurück zu den Kuhblumen.
Die Fahrt stromaufwärts zu unserem Zielhafen Nürnberg-Gebersdorf wird etwa 3 Wochen dauern. Wir legen nördlich von Amsterdam ab, und während sich mein Mann mit Motorstärke, Stromversorgung, Schiffschraube und Strahlruder beschäftigt, kreisen meine Gedanken um Nickis ungläubigen Blick, der mir ans Herz geht.
Der Rhein ist kein schläfriger Fluss. Auf Höhe der Loreley kämpfen wir gegen eine extrem starke Strömung und gegen heftige Strudel an. Wir kommen nur mühsam voran, teilweise mit nur drei bis vier Stundenkilometern. Nicki kotzt auf die Bootsplanken. Doch wenn wir abends in einem Hafen anlegen, erwachen seine Lebensgeister: Wau! Enten, so viele! Alle meine! Weil er eine Mischung aus Golden Retriever und Großpudel ist, hat er den DNA-Strang eines Wasserplanschers und Entenjägers. Doch wir verbieten ihm die Jagd, deshalb kündigt er uns jene Freundschaft, die Hunde so einzigartig ab uns Menschen bindet. Die Kündigung hält 30 Sekunden lang. Statt auf Entenjagd gehen wir vom Boot, finden eine Wiese, rennen mit ihm um die Wette und schmeißen uns ins Gras. Nickis Welt läuft wieder rund.
Als wir nach elf Tagen backbordseitig in den Main abbiegen, hört seine Übelkeit plötzlich auf. Der Main ist ein braver Fluss, der gemächlich fließt, ohne die Tücken seines großen Bruders, dem Rhein. Nicki sitzt regungslos am Bug, wie eine mit weißer Strickwolle umhäkelte Gallionsfigur. Er scheint die Fahrt zu genießen.
Zwischen Mainz und Nürnberg werden wir 42 Mal schleusen müssen. Was für Nicki die Rheinfahrt gewesen ist, sind für mich die Schleusenkammern: Ich bin gestresst. Während mein Mann so nah wie möglich an die Eisenwand heranfährt, muss jeder meiner Handgriffe zielsicher, ruhig und dennoch schnell ausgeführt werden, damit das Boot sich nicht querstellt oder gegen die Mauer schlägt. Nicki spürt meine Anspannung. Er will mich trösten und steckt die Schnauze zwischen meine Knie. So ist er permanent auf Ballhöhe, bei jedem Schritt muss ich über ihn steigen. Nach unseren ersten drei Schleusen und nach sieben Stunden Tagesfahrt legen wir wieder einmal in einem Hafen an und schlafen alle drei so schnell ein, wie man einen Lichtschalter von „an“ auf „aus“ klickt.
Mittlerweile ist Nicki ein richtiger Bootshund geworden. Anfangs wollte er immer nur schnell an Land, jetzt kehrt er nach jedem Ausflug gerne zurück an Bord. Und wenn er sich aufs Deck legt, alle vier Pfoten von sich streckt und sich nach einem Flussbad (entenfreie Zone!) den Bauch von der Sonne wärmen lässt, kann man schon fast von einem tiefenentspannten Bootshund sprechen. Und schon bald wird er Nürnberger Luft schnuppern. Ahoi!